Anmeldung und Vorbereitung
Wie die Idee keimte, der Gedanke spriess und das Projekt wurzelte.
August 2023, Zermatt / CH
Meinen ersten Segelunterricht nahm ich vor ein paar Jahren in Frankreich, während ich einen Sprachkurs besuchte. Segeln zu lernen schlummerte schon lange als Gedanke in meinem Kopf. Die freien Nachmittage nach dem Sprachunterricht boten also endlich die Gelegenheit. Besagte zwei Wochen zeigten sich recht stürmisch, es gab viel Wind und entsprechenden Wellengang. Als Novizin war das nur so halb nach meinem Geschmack (inzwischen finde ich das toll). Auch merkte ich schnell, dass die Segler:innen ihr ganz eigenes Vokabular haben. Der Sprachunterricht ging also munter auch auf dem Boot weiter. Neben dem Boot, das über die Wellen schlingerte, drehte sich auch bald in meinem Kopf sehr viel. Wie sollte ich mir nur all die Begriffe merken und gleichzeitig noch Segeln? Meine erste Segelerfahrung war also vor allem ermüdend.
Im Frühjahr 2023 begann ich dann zusammen mit einer Freundin mit dem Binnensee-Segelschein auf dem Bielersee. Das Boot, der Wind und die Wellen waren definitiv ein paar Nummern kleiner als während meinen ersten stürmischen Segel-Wochen in Frankreich. Das waren schon fast entspannende Tage. Ich wusste aber auch schnell, dass ich aufs Meer wollte.
Ein paar Monate später stolperte ich, während einer langen Zugfahrt in die Ostschweiz, über ein Interview mit einem ehemaligen Schweizer Teilnehmer des Clipper-Rennens. Stundenlang schaute ich daraufhin Videos und las Berichte und las die Webseiten der Clipper-Rennen wohl von A-Z. Und schob es dann wieder beiseite. Denn so ein Vorhaben passte ja eigentlich nicht in meine aktuelle Lebensplanung. Und zudem, mich mit ein paar Segelstunden für so ein Rennen zu interessieren, entsprach überhaupt nicht der gut schweizerischen Tugend, sich ausführlich und gründlich auf ein Vorhaben vorzubereiten und jedes Risiko genau abzuwägen. Zwei weitere Wochen zogen ins Land, während denen mich der Gedanke nicht mehr losliess, wie es wohl wäre.
Nun gut, ich könnte mich ja einfach mal unverbindlich zu einem Interview bei der Rennorganisation melden, zu verlieren hatte ich ja nichts, dachte ich mir. Gesagt, getan. Einige Tage später führte ich ein Interview mit der Crew-Verantwortlichen der Rennorganisation, welche mir daraufhin ein positives Feedback zukommen liess. Noch ein paar Tage später hatte ich eine Absichtserklärung unter-schrieben. Für mich gab es dabei von Anfang an nur eine Option - ganz oder gar nicht. Will heissen, mein Traum ist es, um die Welt zu segeln, alle Etappen, vom Anfang bis zum Ende. Dafür brenne ich. Für eine einzelne Etappe würde ich mir eine luxoriösere Variante aussuchen, wo man mehr im Bikini segeln und ab und zu auch den Tieren unterhalb des Meeresspiegels einen Besuch abstatten könnte. Ich denke dabei zum Beispiel an die Südsee. Wer weiss, falls ich nach diesem Jahr nicht genug von Wind und Wasser habe, wird das vielleicht mein nächstes Abenteuer. Träume darf, ja muss man ja schliesslich haben.
Level 1 und Level 2 Training
Juli 2024, Portsmouth / UK
Mit der unterschriebenen Absichtserklärung war der Stein ins Rollen gebracht worden. Zunächst einmal erstellte ich einen Trainingsplan, einen Budgetplan, organisierte Trainings und versuchte mich so gut wie möglich in das Thema einzufuxen. Ich war und bin noch immer eine Babyseglerin da draussen auf dem Ozean. Alle Crew-Antwärter:innen absolvieren obligatorisch vier Wochen Training auf der Clipper 70 oder ihrer Vorgängerin, der Clipper 68. Insbesondere die ersten zwei Trainingswochen, Level 1 und 2, dienen dazu, das Boot, das Handling und den "Alltag" auf einer Hochsee-Rennyacht kennenzulernen. Auch wird in der zweiten Woche durchgehend gesegelt, sodass man testen kann, wie man mit 4 oder 6-Stunden-Wach- und Schlafphasen am Besten umgeht. Jede Trainingswoche wird mit physischen und schriftlichen Prüfungen abgerundet.
Für mich waren die zwei Wochen im Juli eine Probe. Genauso wie die Ausbilder:innen mich testeten, wollte auch ich prüfen, ob das Projekt wirklich das Richtige für mich war. Wollte ich wirklich ein Segelrennen um die Welt machen? Elf Monate ohne Luxus, so schnell wie möglich Segeln? Wer mich kennt, weiss, dass mich Geschwindigkeiten, Rekorde, Punkte oder Kilometer meistens herzlich wenig interessieren. Ich will vor allem Spass haben und Neues entdecken bei all meinen Aktivitäten. Und würde mich die inter-nationale Crewzusammensetzung ansprechen? Konnte ich mir vorstellen, mit diesen unterschiedlichen Menschen so lange Zeit auf so engem Raum zu verbringen?
Zwischen den Trainingsblöcken absolvierten wir auch einen Sea-Survival-Kurs. Hier wurde uns Allen eindrücklich vor Augen geführt, dass das Vorhaben keine Sonntagsfahrt werden würde. Das Meer, so faszinierend wie es ist, so viele Gefahren birgt es auch. Unglücke passieren - immer wieder. Es war wichtig, diese persönliche Risikoabwägung zu machen. Welche objektiven Risiken gibt es, welche Gefahr kann ich für meine Crew, oder die Crew für mich sein?
Mit Ende der zweiten Trainingswoche fühlte ich mich immer mehr am richtigen Ort. Genau hier wollte ich sein, schoss es mir etwa am vierten Tag durch den Kopf, obwohl das Wetter miserabel, ich übernächtigt und die Bedingungen recht sportlich waren. Die Prüfungen liefen sehr gut, und auch das Feedback der Ausbildner:innen war sehr positiv. Einer definitiven Zusage stand eigentlich nichts mehr im Weg. Naja, ausser natürlich der enorme Aufwand und die Vorbereitung, die so eine einjährige Abwesenheit mit sich bringt. Ich machte also erneut das, was ich gut kann: neue Excel-Tabellen, ich plante und rechnete zum Thema Verdienstausfall und Altersvorsorge, Job, Wohnung, Nebenjob und Nebenjob und Nebenjob (das ist kein Schreibfehler). Insbesondere der finanzielle Kraftakt für das Projekt bereitete mir damals wie heute Bauchschmerzen. Irgendwann kam ich zaghaft zum Schluss, es könnte aufgehen. Und erinnerte mich an einen Satz, der ungefähr so lautet: Wenn die mühsamste aller Optionen einer Entscheidung gegen die scheinbar einfacheren, gemütlicheren, leichteren Optionen immer noch im Rennen ist, dann ist sie es wert, dass sie ganz genau geprüft wird. Am 15. August 2024 sagte ich offiziell zu. Jetzt gab es kein zurück mehr.
Vorbereitungen im Trockenen
November 2024, Zermatt / CH
Die ruhigeren Tage des Herbst nutze ich vor allem um mich im Trockenen vorzubereiten. Ich bastle an dieser Webseite, übe Knöpfe, eigne mir spezifisches Wissen an, repetiere zusammen mit anderen Crewmitgliedern Theorie und Manöver und versuche mich physisch und mental seefit zu machen. Es sind nur noch 10 Monate bis zum Rennstart Ende August 2025 und es gibt noch so viel zu tun: Material zusammensuchen, aber auch meine Abwesenheit administrativ vorzubereiten. Und mein Leben läuft ja auch noch weiter nebenher.
Bereits jetzt freue ich mich auf die nächsten Ausbildungswochen im Mai und Juli 2025, sowie auf den 17. Mai 2025, dem Crew Allocation Day. Dann wird nämlich bekannt gegeben, mit welchem Team / Skipper man ins Rennen geht.
Level 3 - Spinnaker Training
16. Mai 2025, Portsmouth / UK
Die nächsten grossen Meilensteine warteten darauf, passiert zu werden! In der kommenden Woche würde sich alles um den asymmetrischen Spinnaker drehen. Und als Krönung wartete am Wochenende die «Crew Allocation». Der Tag, an dem die Teams und die Skipper/1st Mates Paarungen bekannt gegeben werden.
Der Start in Zürich war etwas harzig. Aufgrund der Bisenlage waren unzählige Flüge verzögert, so auch meiner, aber immerhin nicht annulliert. Viel später als geplant erreichte ich London – nach Portsmouth würde ich es heute nicht mehr schaffen. Die in der Schnelle gebuchte Unterkunft entpuppte sich als Gästehaus eines buddhistischen Meditationszentrum. Mein Zimmer glich einer Zelle – gerade mal so gross wie das Bett darin, mit einem kleinen Streifen zum Stehen zwischen Türe und Bett. Aber irgendwie auch passend, denn im kommenden Jahr wird mein Bett und mein privater Bereich noch viel kleiner sein. Nach einer durchaus erholsamen Nacht blieb mir am nächsten Morgen Zeit für einen ausgedehnten Morgenspaziergang, durch kleine Gassen und Strassen südlich der Themse, bis ich irgendwann beim London Eye und Big Ben landete. Mit Kaffee und Porridge vergnügte ich mich damit, Touristen beim touristisieren zu beobachten. Nachmittags in Portsmouth traf ich mich mit Shruti. Wir haben zusammen die Trainings im vergangenen Sommer absolviert und seitdem monatlich telefoniert um Theorie und Praxis zu besprechen. Ein langer Spaziergang und ein Abendessen später war ich im Bett, und repetierte nochmals alle Manöver und die kritischen Punkte für den kommenden Trainingsblock.
Der Spinnaker ist ein grosses Segel, das bei achterlichem Wind, also Wind von hinten bezüglich der Fahrtrichtung kommend, gesetzt wird. Die Clipper 70s haben jeweils drei Spinnaker-Segel, Code 1, Code 2 und Code 3 genannt. Sie sind unterschiedlich gross, denn je nach Windstärke verwendet man ein grösseres oder kleineres Segel. Im Rennmodus bedeutet das, dass man die verwendete Segelkombination konstant an die Bedingungen anpasst und so die Segel sehr viel gewechselt werden können.
Den Spinnaker will man möglichst zusammengeschnürt hissen, damit er sich nicht in den seitlichen Abspannungen (Rigg) des Boots verfängt. Auch das Schnüren und Packen will also geübt werden. Zuerst einmal haben wir das Ungetüm auf dem Steg im Hafen von Cowes (Isle of Wight) ausgelegt. Es schaut ein bisschen aus wie ein dreiarmiger, riesiger Seestern. Von den drei Befestigungspunkten (Kopf, Hals und Shothorn) rollt man es zusammen und versucht den vielen Stoff möglichst kompakt zu schnüren, bis man sich in der Mitte trifft. Später wird das Packen unter Deck stattfinden, mit einem Arm in Richtung Bug, und je einen Arm in Richtung Heck entlang Backboard und Steuerbord. Geschnürt wird es mit einem simplen Wollfaden, stark genug, das Segel zu halten, aber schwach genug, damit es, sobald es im Wind steht, sich aufblasen kann.
Wir lernen schnell, dass der Spinnaker ein sehr delikates Stück Stoff ist. Alles muss mit Präzision und Vorsicht gemacht werden, denn der leichte Stoff ist auch schnell beschädigt. Wir segeln in den Trainings mit gebrauchten Segeln, die vielen Flicken und Reparaturen auf dem Segeln erzählen von unzähligen Rissen und Löchern, und vielleicht auch einigen Flüchen. Aber wenn er fliegt, dann hat das Ding richtig Power, nur schon die schiere Grösse ist beeindruckend. Gleichzeitig ist volle Konzentration gefordert. Beim Trimmen, aber auch am Ruder. Kommt man vom Kurs ab, verpasst man eine leichte Drehung im Wind, dann besteht die Gefahr, dass der Spinnaker kollabiert und sich im schlimmsten Fall um die Abspanngen wickelt oder verfängt. Dann ist das Desaster gross. Hoffen wir darauf, dass auch hier die Übung den Meister macht. Genug Zeit dafür werden wir ja haben im kommenden Jahr.
Auch geübt haben wir zum ersten Mal den «Le Mans» Start. Die Flotte reiht sich in einer unsichtbaren «Startlinie» auf dem offenen Wasser ein. Das Hauptsegel ist gehisst, die Vorsegel (Staysail, Yankee) sind bereit, aber nicht gehisst. Die Crew organisiert sich, und muss für das Startsignal hinter einer Linie bei den «Grindern» stehen. Auf das Funksignal hin darf man «so schnell wie möglich und gleichzeitig sicher» die mit der Flotte vereinbarten Segel setzen und trimmen. Das erste Mal ging so richtig in die Hose, weil wir ein Fehler in der Vorbereitung gemacht hatten. Eine Leine hatte sich verfangen, und bis wir das gelöst und die Segel schliesslich oben hatten, war unser Konkurrent schon viele Bootslängen vor uns. Sehr ärgerlich, aber aus Fehlern lernt man. Beim zweiten Mal waren wir dann unglaublich schnell, aber auch ohne Konkurrenz, darum kann diese subjektive Einschätzung auch nicht verifiziert werden.
Die Woche ging erneut wie im Flug vorbei. Nach dem «Deep Clean» am Freitag gab’s einen wohlverdienten Ausflug ins Pub. Aufregung und Anspannung lag in der Luft, da am nächsten Tag (endlich) die Crew Allocation stattfinden würde. Auch ich war gespannt. Wer wird mein:e Skipper:in sein? Auch wenn ich das Ganze auch ein wenig als soziales Experiment betrachte, so erscheint es mir doch nicht unererheblich, unter welcher Leitung ich ein Jahr um die Welt Segeln werde. Ich wünsche mir sehr, dass der «Vibe» passen wird, weil schliesslich will ich ja auch ganz viel Spass haben während ich mich durch die Weltmeere kämpfe.
Crew Allocation
17. Mai 2025, Portsmouth/UK
Endlich war der grosse Tag der Crew Allocation da! Zum ersten Mal überhaupt war ich aufgeregt. Denn heute fanden wir heraus, mit wem wir wochen- und monatelang auf See verbringen würden. Morgens durften wir uns in der «Guild Hall», im historischen Zentrum von Portsmouth, einfinden. So viele Menschen! Die Flotte für das Rennen 25/26 besteht aus 10 Booten, auf jedes Boot kommen ca. 50 Crewmitglieder. Auch wenn nicht alle vor Ort sein konnten, war die Anzahl der Leute die zur Crew Allocation angereist waren, beeindruckend.
Bei der Registration bekamen wir nicht nur unser erstes offizielles Crew-Outfit, sondern auch ein Leuchtarmband. Es dauerte eine Weile, bis alle im grossen Saal versammelt waren. Eine gute Gelegenheit bekannte Gesichter aus den früheren Trainings zu begrüssen. Ich sass mit meiner Level 3 Crew zusammen und war gespannt, ob oder mit wem ich vielleicht in einem Team sein würde. Es ist erstaunlich, wie schnell Fremde zu Freunde werden wenn man eine Woche miteinander auf einem Boot segelt. Die Leuchtarmbänder würden der Reihe nach in einer Farbe aufleuchten, die jeweils einem Skipper/First Mate Team zugeordnet war. Ich hatte natürlich meine Favoriten. Dann ging es los, und die Mitglieder meiner Level 3 Crew wurden nacheinander anderen Booten zugeteilt. Ich war ein bisschen traurig, wäre ich doch gerne mit allen weitergesegelt, weil wir wirklich eine super Woche verbracht hatten miteinander. Gleichzeit war das Team meiner Favoritin noch nicht aufgerufen worden, was mich wiederum freute. Auf diese Achterbahn der Gefühle war ich nicht vorbereitet. Beim zweitletzten Team endlich leuchtete auch mein Armband! Ich bin im Team Heather und Millie. Ich freute mich sehr, denn sie war definitiv in den Top 2 meiner Wunsch-Crew. Heather hat schon über 100 000 Seemeilen gesammelt, zuletzt hat sie als Skipperin der Maiden das McIntyre Ocean Globe Race gewonnen (wo man ohne moderne Instrumente navigiert.).
Am Nachmittag folgten erste Workshop in denen wir als Team Ziele, Erwartungen, Aufgaben und Organisatorisches bearbeiteten. Abgerundet wurde der Tag– wie könnte das anders sein in England, so viel habe ich inzwischen gelernt –im Pub. Kaum im Hotel angekommen fiel ich in einen tiefen Schlaf, erschöpft von so viel Aufregung und Begegnungen.
Level 4 - CV 22 Renntraining
1. Juli 2025, Portsmouth/UK
Auf dem Weg zum Flughafen wurde mir bewusst, dass ich nur noch dieses eine Mal zurückkehren werde, bevor es auf die Weltumsegelung geht. Läuft alle wie geplant, werde ich das nächste Mal Ende Juli 2026 zurück in der Schweiz sein. Langsam, aber sicher wird das Abenteuer Realität. Kurz nach Ankunft in Portsmouth, resp. gegenüber in Gosport, wo die Clipper Flotte in der Marina liegt, hatten wir Check-in und es wurde uns unser Ölzeug, in Englisch «Foulies» ausgehändigt. Glänzend, gelb leuchtend – so schön wie am ersten Tag wird sie wohl nie mehr strahlen. Ich begrüsste die CV22 am Steg, mein Zuhause für das kommende Jahr. Nach dem "Safety Brief" ging es auch schon los und bald wechselten wir ins «Watch-System». Wir unterteilten uns also in die verschiedenen «Wachen» oder «Schichten». Für die kommende Woche hatten wir uns in zwei Schichten aufgeteilt. Wir würden je eine 6-stündige Schicht tagsüber und dann jeweils 4-stündige Schichten nachtsüber machen. «Off-watch» hat man Zeit zu schlafen oder auszuruhen, die «On-Watch» ist an Deck für alle Segelmanöver zuständig. Weitere Aufgaben werden tageweise verteilt, z.B. Überprüfung von Motor, Steuerung, Sicherheitsausrüstung, aber auch das Zubereiten von allen Mahlzeiten und das Putzen von Toiletten und dem Schiffsinnern.
Körper und Geist brauchen eine gewisse Zeit, bis sie sich an diesen Rhythmus und das Leben an Bord gewöhnt haben, bei mir sind es circa 36 Stunden. In diesen ersten, langen eineinhalb Tagen fragte ich mich mehrmals, was ich mir hier eigentlich antue – ich könnte genauso gut irgendwo in der Südsee am Strand liegen und das süsse Leben geniessen. «Das ist doch Irrsinn» schoss es mir mehr als einmal durch den Kopf, als ich mich nachts um 2 aus der Koje quälte und für die nächste Schicht anzog. Die zweite Nachtwache entpuppte sich dann aber als eine der schönsten bisher und war der Wendepunkt. Es war eine sternenklare Nacht, das Meer moderat und mit einer guten Playlist steuerte ich die CV22 fast zwei Stunden am Stück durch die Nacht. «Das ist doch irrsinnig fantastisch», was wir hier machen, war fortan das neue Motto.
Das letzte Training beinhaltete auch viele Sicherheitsmanöver, z.B. wie man ein anderes Boot schleppt, Mann über Bord (MOB) bei Nacht oder wie das Sturmsegel gesetzt wird. Wir lernten dabei nicht nur uns als Team besser kennen, sondern auch die CV22, inkl. Ecken und Kanten. Das zweitägige Rennen beendeten wir nach einem miserablen Start auf Platz 3, was ein super Ergebnis ist, da die CV22 ihren Rumpf noch nicht geputzt bekommen hat, und gefühlt 10 Meter Algen und Muscheln mit sich mitzieht.
In zwei Monaten geht es endlich los – die Vorfreude ist riesig. Am 31. August 2025 starten wir, via Puerto Sherry (Spanien) nach Punta del Este (Uruguay). Juhui!
Prep Week - Vorbereitung
26. August 2025, Gosport/UK
Gleich wie die letzte Arbeitswoche in der Schweiz ist auch der Start hier in Gosport intensiv. CV22 bekommt neue Segel und neue Leinen, wir montieren Netze und Halterungen, verpacken und verstauen Proviant. Ich plane des weiteren in meiner Funktion als Teamkoordinator die Organisation auf dem Boot, versehe alle Staumöglichkeiten mit Nummern und alle Schlafmöglichkeiten bekommen einen Namen. Ich orientiere mich dabei am «Team Scotland», unserem Sponsor: die Crew kann sich auf die Highland Suite, Mary Stuart Royal Suite, Oban Comfort Suite oder Balmoral Castle freuen, um sich zwischen den Schichten auszuruhen.
Denn ja, CV22 wurde endlich auch «gebrandet», das heisst aus dem Wasser gehoben und mit einer Folie von unseren Team Sponsoren versehen. Ich habe mich sowieso schon sehr auf den Stop in Oban gefreut, nun umso mehr, da es «unser» Homerun sein wird, kurz vor dem Ziel.
Auch die kommende Woche sieht in der Planung intensiv aus. Vielleicht ist das das Schlagwort für die kommenden 11 Monate, wer weiss. Heute treffen die restlichen Crew-Mitglieder für die erste Etappe ein. Morgen geht es dann endlich einmal raus aufs Wasser für einen Tag, bevor wir am Abend in Portsmouth, Gunwharf Quays anlegen werden, wo die Flotte dann liegt bis zum Start am Sonntag.
Das Wochenende durfte ich bei Anna und John verbringen, die im Winter in Zermatt leben. Das hat so richtig gut getan, sie haben mich von Kopf bis Fuss verwöhnt, wir waren Schwimmen und Eseli streicheln, Pingpong spielen und am Faulenzen. Ich freue mich über jeden Tag, denn das ist ein Schritt näher an den Start. Ich kann es kaum erwarten bis es endlich losgeht und bin zuversichtlich, dass wir bis dahin das meiste erledigt haben werden. Jeder packt mit an, und fiebert mit, was ein tolles Gefühl ist.
Leg 1 Portsmouth - Puerto Sherry - Punta del Este (31. August 25 - 12. Oktober 2025)
Stage 1 – Portsmouth nach Puerto Sherry
19. Oktober 2025
Ich schreibe diese Zeilen in Punta del Este. Bei unserem ersten Stopover in Puerto Sherry (Spanien) hatte ich weder Zeit noch Muse mich hinzusetzen und eine Zusammenfassung zu schreiben. Darum von Vorne: das Wochenende vor dem Rennstart verbrachte ich bei Anna und John auf der Isle of Wight. Das war wunderbar, stehen sie doch sinnbildlich für eine Kombination von meiner Heimat und meinem neuen Segelerin-Dasein. Ein paar Tage vor dem Start ist dann auch Hansruedi, mein Onkel in Portsmouth eingetroffen. Er ist der ganze Weg von der Schweiz mit dem Fahrrad gefahren, der Verrückte. Es war mir eine grosse Freude ihm das Boot zu zeigen und ihm einige Crew-Mitglieder vorzustellen. Bis zum letzten Augenblick blieb viel zu tun. Am Starttag freute ich mich, dass es endlich losgeht, weil wenn man darauf wartet, bis man richtig bereit ist, fährt man wohl nie los. Ich erinnere mich an erstaunlich emotionslose Tage, oder konnte die Emotionen einfach noch nicht verarbeiten.
Der seglerische Auftakt war im Rückblick ein wilder Ritt. Wir segelten vorwiegend «Am Wind» und wurden dabei so wortwörtlich ins kalte Wasser geworfen und durchgeschüttelt. Es war ein richtiger Stresstest für Material, Mannschaft und das Boot. Einiges hat gehalten, anderes nicht. Die ersten Tage improvisierten wir viel mit Kochen, weil die Wetterbedingungen und der Seegang zu unfreundlich waren für kulinarische Meisterleistungen. Durch die Biskaya hatten wir viel Wind und starke Böen. Doch dann irgendwann änderte die Windrichtung und wir konnten die Vorsegeln runterholen und den Spinnaker zum ersten Mal fliegen. Ein Tagebucheintrag aus dieser Zeit hält fest: «Alles ist konstant in Bewegung. Es geht Auf und Ab, der Wind, die Wellen, die Segeln, die Stimmungen. Gute Planung kommt zuerst und dann muss man Improvisieren.»
Wir nahmen dank unserem Sieg 10 Punkte aus dem ersten Rennen mit, ohne dass wir den Sprint oder das Scoring Gate ernsthaft angegangen sind. Das bescherte uns einige schöne Momente in Puerto Sherry und als Team.
Stage 2 – Puerto Sherry to Punta del Este
Auch in Puerto Sherry gab es viel zu tun. Die harschen Bedingungen hatten einige Spuren am Material hinterlassen. Es blieb ein bisschen Zeit die spanische Sonne zu geniessen, aber nach ein paar Tagen war ich bereits wieder bereit, weiterzusegeln. Weil darum geht es ja schliesslich.
Die ersten drei Wochen von Europa nach Südamerika, von einer Seites des Atlantiks zur anderen, von Nord nach Süd über den Äquator gingen sehr schnell vorbei. Die Tage vermischen sich und sind schwierig voneinander zu halten. Manchmal passiert stunden- und tagelang nicht so viel, dann aber wieder kommt eine Stunde mit purem Chaos als Inhalt. Wir hatten viel schönes Raumschot und Vor dem Wind Segeln, die Temperaturen waren angenehm warm bis sehr heiß. Einige Tage waren sonnig, andere regnerisch, wir erlebten finstere Nächte und den Vollmond, Gewitter und Wolken. Es fällt mir schwer das Erlebte zusammenzufassen. Es passiert so viel und gleichzeitig auch wieder nichts.
"Es gibt Tage, die fühlen sich an wie Stunden, und Stunden, die fühlen sich an wie Tage."
Auf dieser Etappe habe ich meine Freude am Wettstreit wiedergefunden. Lange Zeit dachte ich, dass ich das komplett verloren habe. Aber nun ist es auf eine leichte, freudige Art zurück. Wir bekommen alle sechs Stunden ein Update mit den Positionen der Flotte. Das bringt einen roten Faden in die Passagen und Ablenkung oder Fokus gleichermassen. Nachdem wir am zweiten Tag den Code 2 bereits komplett zerissen hatten fanden wir uns lange Zeit am Ende der Flotte. Doch Stück für Stück gings vorwärts, und nach Ende der Doldrums lagen wir an dritter Position.
Die letzte Woche bevor wir Punta erreichten war dann etwas zäh. Wir hatten einiges an Pech und das Wetter schickte uns noch einige Herausforderungen. So schleppten wir ein Stück von einem Fischernetz gute 36 h mit uns mit, welches uns das Steuern fast verunmöglichte. Während eines Sturms zerstörten wir eine Winsch, sodass wir bei den letzten Manövern improvisieren mussten. Und zu guter Letzt hatten wir ein grosses Problem mit einem Spinnaker, just in Sichtweite der Ziellinie, welches uns den dritten Platz kostete. Die Ankunft in Punta del Este war darum bittersüss. Doch die Tränen verflogen schnell und die Freude über die erfolgreiche Atlantikquerung, ohne Verletzungen, überwog bald.
Die Tage hier waren vollgepackt mit Reperaturen, Administrativem und sozialen Aktivitäten. Ich dachte einige Male, über den Atlantik segeln ist entspannter als dieses Stopovers.
Nun ist alles bereit für die nächste Etappe nach Südafrika, Kapstadt. Ich freue mich auf das nächste Abenteuer und auf die Pinguine.
15. November 2025, Kapstadt
Leg 2 - von Punta del Este nach Kapstadt
Der Start in Punta del Este war gefühlt zu früh. Es gab so viel zu tun auf dem Boot, dass mir gar keine Zeit blieb durchzuschnaufen oder etwas von Uruguay zu sehen, ausser der Strasse zwischen Boot Liegeplatz und der Unterkunft, die ich mit einem Crew-Gspändli teilen durfte. Also werde ich irgendwann nach Uruguay zurückkehren müssen, um sagen zu können, ich war da. Gleichzeitig ist das Ziel der Reise die Reise selbst, also die Weltumsegelung, darum freute ich mich auch, gings weiter. Die letzten Tag ein Punta habe ich mir wohl etwas eingefangen, darum startete ich die Etappe krank. Nicht nur seekrank, das bin ich nämlich immer ein bisschen, sondern auch irgendwas zwischen Grippe, Erschöpfung und einem verstimmten Magen. Es war eingermassen schwierig sich auf See zu erholen, aber irgendwann kamen die Kräfte dann zurück.
Wir waren nur 13 Crew auf der letzten Etappe, da wurde jede Frau und jeder Mann noch mehr vermisst auf Deck, wenn man bedenkt, dass jeweils 1 Person pro «Watch» Küchendienst hat. Für einige Manöver wurden daher der Ruf nach «alle Mann an Deck» nötig. Auch kamen einige der neuen Leggers nicht zu genug Training am Steuer, vor allem nicht in der Nacht. In einer Nacht, mit mehr als 40 Knoten Wind, wechselten Kanat, Millie und ich uns deshalb im Viertelstundentakt ab, nachdem ich beim ersten Mal ziemlich leer geschluckt habe, das waren meine ersten 40+ Knoten. Nun kann ich immerhin etwas gelassener auf die kommende Etappe nach Australien schauen, da ich weiss, dass es geht, irgendwie.
Leider hatten wir erneut Probleme mit unserem C2-Spinnaker Segel, sodass wir wir schon nach ein paar Stunden wieder ohne ihn auskommen mussten. Insgesamt können wir darum wohl mit dem 6. Rang zufrieden sein.
Ein Highlight waren die vielen Sichtungen von Buckelwalen, die teilweise ganz nah an uns vorbeizogen. Auch fanden wir fast über die ganze Zeit hineweg Tintenfische auf dem Deck, leider konnten die jeweils nicht gerettet werden wie die fliegende Fische. Und unglaublich viele Vögel, die uns manchmal tagelang begleiteten.
Ein weiteres Highlight ist der achtjährliche «Love Note Day», wo jeweils ein Crewmitglied einem anderen ein Kompliment schreibt. Das klingt kitschig, aber hat sich als eine bewährte Teambuilding-Strategie herausgestellt. Die Gemeinschaft wächst aber auch so, wir haben das Glück, dass wir relativ eine grosse Anzahl Mulit-Leggers haben, die uns bis Australien begleiten. Die Routinen und das Zusammenleben an Board haben sich schon eingependelt, und macht das Leben einfacher.
Inzwischen haben wir schon circa 22222 km zurückgelegt von England nach Südafrika. Doch eigentlich sagt diese Zahl gar nichts aus. Es fällt mir so schwer, das Erlebte zusammenzufassen. Manchmal passiert so viel, manchmal nichts, dass ich gar nicht weiss wo anfangen und wo aufhören mit erzählen.
Ein Erlebnis, das sich in mein Herz geschlichen hat, war die Anfahrt nach Kapstadt. Das Boot war mit ordentlich Krängung untewegs, wir hatten seitlichen Wind, und ich am Helm (das ist der nautische Begriff für das Steuer in Englisch), mitten in der Nacht. Es war Vollmond, immer wieder sahen wir auch Sternschnuppen. Ziemlich Adrenalin und Freude also gleichermassen. Dann taucht die Skyline, oder besser die Mountainline von Kapstadt auf, mit dem Tafelberg am Horizont. Ich habe leider keine Aufnahmen davon, aber es war ziemlich ziemlich grossartig, sodass ich immer noch Gänsehaut habe beim Verfassen dieser Zeilen
Nun freue ich mich auf die Roaring Forties – eine herausfordende Etappe. Circa 3 Wochen bis Fremantle, Australien. Verrückt.
18. Dezember 2025, Fremantle
Leg 3, von Kapstadt nach Fremantle, 16. November 2025 – 9. Dezember 2025
Ich sammle Goldstücke unterwegs. Das ist meine Antwort wenn mich jemand fragt, was war die bisher schönste Etappe. Weil Segeln ist wie das echte Leben: es gibt schöne Momente, es gibt weniger schöne Momente, es gibt Lachen, Langeweile, es gibt Tränen und Frust, es gibt Nerviges und Freudiges. Aber das ist jetzt hoffentlich nicht allzu eine überraschende Erkenntnis. Die Goldstück-Momente kommen mal mehr mal weniger, aber mindestens zwei bis drei waren auf jeder Etappe bisher dabei.
Auf dem Weg zwischen Afrika und Australien kam gleich ein Goldstück zum Start: Wir sassen zwar in einem Windloch fest direkt nach Kapstadt und mussten zuschauen, wie die meisten anderen Boote davonzogen. Gleichzeitig war es wie in einem Aquarium rund um uns herum: Wale überall, am singen und springen, Delphine, Seelöwen. Bittersüss.
Dann, die «Landschaft» des Southern Oceans war fantastisch. Wie sagt man dem eigentlich auf dem Meer? Die Seeschaft? Die Meerschaft? Die Wasserschaft? Jedenfalls die Farben, die majestätischen Wellen, die Terrassen an Wassermassen die sich manchmal unter dem Boot entfalteten um sich im nächsten Moment wieder zu Hügeln und Bergen aufzutürmen. Das sind Bildern und Erinnerungen die als Goldstücke bleiben.
Südlich von 40 Grad würde ich als eine Zone der perfekten Passage bezeichnen. Passage im Sinne des Wortes: der Mensch ist nicht gemacht um hier zu verweilen. Es ist eine Region die man passiert. Es war kalt und nass. Die Kälte an sich ist gut verträglich. Die Kombination mit Feuchtigkeit und Nässe ist allerdings ein Level an Diskomfort, das ich bisher noch nicht erlebt habe. Zeitweise war das ganze Boot feucht und nass. Von der Kondensation, von den unzähligen Wellen die über die Bordkanten brachen. Beim Essen tropfte es einem auf dem Kopf, beim Anziehen lehnte man sich an feuchte Wände, die Foulies waren klamm und verdarben einem die Lust da reinzuschlüpfen, jedes einzelne Mal. Der einzige trockene und warme Ort war mein Schlafsack. Gleichzeitg war das auch mein Kleiderkasten, weil nur so konnte man Kleidung einigermassen trocknen. Der Drysuit war goldwert – vermutlich die beste Investition bis jetzt. Um an Deck warm zu bleiben halfen unzählige Squats und Pushups, Spiele wie Fantasie-Badminton und ganz viel Tee. Normalerweise stehe ich gerne auf, brauche in der Dunkelheit und Kälte aber eine gewisse Zeit, bis ich warmgelaufen bin. Diese Zeit hat man nicht auf einer Clipper 70, mit Essen, Toilette und 1001 Schichten anziehen. Einige Male, also eigentlich ganz oft habe ich mich dann gefragt, warum ich mir ein Abenteuer aussuche, wo ich gleich drei bis vier Mal pro Tag aufstehen muss in diesen Bedingungen. Eine ganze Woche lang musste ich mir ziemlich gut zureden, dass ich aus dem Schlafsack krieche und die ganze Prozedur mit Anziehen starte. Bei Wind und Wetter und Welle und Dunkelheit genauso wie bei Regen und Sturm. Um mich ein bisschen auf andere Gedanken zu bringen habe ich angefangen jedes Mal vor dem ins Bett gehen ein bisschen zu lesen. Ich habe tatsächlich so drei Bücher gelesen!
Auch hatte ich für unser Boot einen Adventskalender vorbereitet in Kapstadt. Bald war das tägliche Öffnen eines kleinen Präsents (natürlich mit Schweizer Schokolade drin) ein Crew-Highlight. Zum «Samichlaus» habe ich erzählt, dass wir in der Schweiz ein Gedicht aufsagen damit wir zu unserem Chlausesäckli kommen. War ich erstaunt und erfreut als ich am nächsten Tag etwa 10 Gedichte hatte von unserer Crew. Entweder hatten wir eine besonders literarische Crew oder jeder war froh um Abwechslung für den Kopf.
Kein Goldstück-Moment war die erste Front, die uns passierte. Windböen bis zu 55 Knoten machen keinen Spass, auch nicht im Rückblick. Es war stockdunkel und die Wellen riesig. Ich war einfach nur froh als das vorüber war. Es war auch ein klein bisschen beängstigend. Gleichzeitig haben sich die Grenzen auch schon lange verschoben. Wo ich anfangs bei 30 Knoten am Steuer schon leer schluckte, frage ich mich jetzt manchmal, ob man sich da überhaupt die Sicherheitsleinen anklippen muss (ja muss man, schon ab 15 Knoten).
Die letzten Tage vor Australien waren sehr schönes Segeln, wir flogen den Code 1, den grossen asymmetrischen Spinnaker und das machte richtig Laune. Geschmeidig wie Butter schnitten wir mit unserem Böötli durch das Wasser. Es ging dann noch eine ganze Weile bevor Australien und Perth am Horizont auftauchten – wir konnten das Land aber tatsächlich schon viel vorher riechen. Eukalyptus und Feuer lagen in der Luft. Und das war ein weiterer Goldstück-Moment: wir querten die Ziellinie bei Sonnenaufgang. Schon ziemlich cool, von Europa bis nach Australien gesegelt zu sein. So ans andere Ende der Welt. Die Kante haben wir aber noch nicht gefunden. Ist die Erde am Ende doch eine Kugel?!
Ich freue mich dass wir alle heil und einigermassen munter die Passage durchgestanden haben. Das war wirklich ein eindrückliches Stück Ozean.
Ein riesiges Goldstück, oder eher ein Goldbarren, überraschte mich bei der Hafeneinfahrt. Das ist jeweils ein Moment in dem jeder sehr konzentriert ist. Alle sind still, aufgeregt und müde gleichzeitig. Es standen also ein paar Menschen am Dock, die uns winkten. Es dauert aber eine ganze Weile bis ich realisierte, dass da ein bekanntes Gesicht winkte und mich anlachte! Eine meiner besten Freundinnen aus der Schweiz hatte spontan beschlossen, mich in Fremantle zu besuchen. Meine Freudentränen steckten das ganze Boot an, inklusive unsere Skipperin, die irgendwann befahl, doch bitte aufzuhören mit dem Weinen, da sie zuerst dieses Boot parkieren müsse und sonst nichts sehen könne...
Wir hatten dieses Mal kaum Schäden am Boot, sodass die Unterhaltsarbeiten relativ zügig erledigt waren. Was für ein Luxus. Freo ist nämlich ein schöner Fleck Erde, sehr zugänglich, hat unglaublich schöne Strände und es gibz fantastisches Essen überall. Alle Welt ist um 6 Uhr morgens am Strand, trinkt dann ausgiebig Kaffee und startet die Arbeit um 8 oder 9 Uhr. Auch daran könnte ich mich gewöhnen. Hier lässt es sich gut leben und sich erholen.
Ich feierte meinen Geburtstag mit Fahrradfahren, Schwimmen im Meer und feinem Essen. Nun bleiben noch die letzten Tage, bevor die nächste Etappe losgeht, rund um Tasmanien nach Airlie Beach. Die Todoliste wächst allerdings auch immer wieder weiter sobald etwas abgehakt ist: Das China-Visum zu organisieren präsentiert sich als eine Mammutaufgabe in diesem Setting, für unser Weihnachtswichteln fehlt mir noch ein Geschenk, die nächste Etappe bin ich wieder Watchleader und auch das verlangt ein bisschen Aufmerksamkeit, Wäsche will gewaschen werden und eine frische Mango zu essen steht auch noch drauf.
Ich freue mich auf einen zweiten warmen Australien-Stop, besonders auch nochmals auf Besuch aus Australien und Tasmanien. Davor gibt es aber erneut einen Abstecher in die Roaring Forties, bevor wir nördlichen Kurs nehmen, hinauf ins bald schon tropische Airlie Beach.
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch allerseits!
14. Januar 2026, Airlie Beach
Leg 4, von Fremantle nach Airlie Beach, 21. Dezember 2025 bis 9. Januar 2026
Ich sitze in Airlie Beach in einem Cafe mit Aussicht auf die Marina und die Flotte während ich diese Zeilen schreibe und der Start in Fremantle scheint Welten entfernt. Vielleicht auch, weil ich verdränge, wie harzig die erste Woche dieses Rennens war.
Zum ersten Mal fiel mir der Abscheid etwas schwer, ich habe die Zeit in Fremantle sehr genossen, das Leben war einfach und sehr einladend, und ich hätte noch ein bisschen länger bleiben können. Vielleicht auch ein erstes Zeichen, dass nach vier Monaten unterwegs sein, konstant, ohne echte Erholungspausen der Kopf ein bisschen müde war. Das Clipperroundtheworld-Leben ist nämlich ein intensives. Nicht nur während wir tatsächlich Segeln, manchmal ist das Landleben fast anstrengender. Es gibt immer etwa zu tun, die ganze «Bubble» umfasst immer circa 250 Leute, es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Aber zurück zum Start in Fremantle.
Wir hatten einen sehr kompetitiven Start, und kamen von Anfang gut weg. Unsere Trudy (das Boot) mag Upwind-Segeln, sodass wir flott voran kamen. Upwind bedeutet allerdings auch 45 Grad Krängung und ein sehr unruhiges Boot. Das wiederum bedeutet Seekrankheit. Ich war bis jetzt jedes Mal mal mehr mal weniger seekrank zu Beginn einer Passage, dieses Mal konnte ich mich aber kaum erholen. Essen und, schlimmer, Trinken fiel mir schwer, ich musste mich richtiggehend dazu zwingen. Irgendwann zückte jemand dann Babynahrung, und das endlich half mir etwas aus der Krise. Dennoch, in dieser Zeit habe ich mich von einer Watch zur nächsten gekämpft, und mir gesagt, okay, vier/sechst Stunden schaffst du. Auch verlor ich das grosse Ganze etwas aus den Augen, da ich mich wirklich nur auf die nächsten Stunden fokussieren konnte. Das erste Mal hatte ich auch Gedanken, was ich mit all dem Geld sonst hätte anstellen können: Tauchsafaris auf den Malediven, jahrelange Urlaube irgendwo in Südostasien, unvorstellbar viel leckeres Essen, ein lebenslanger Käsekonsum zum Beispiel. Was natürlich nicht zielführend ist in der Situation, aber auch ziemlich normal. Ich müsste mir wohl eher Sorgen machen, wenn ich mir diese Fragen gar nie stellen würde, und das Leiden auch noch geniessen könnte.
Ich war diese Etappe auch Watchleaderin (und übrigens Marie für die andere Watch, ich sage nur «Girls rule the boat;-)» und wir bekommen immer mehr Verantwortung übertragen von Heather und Millie, je besser wir das Boot kennen und unsere Fähigkeiten fortgeschritten sind. Das ist eine zusätzliche Herausforderung, weil man übernimmt damit auch ein Stück weit Verantwortung für das Boot und die Sicherheit der Crew. Mit so wenig Segelerfahrung (das denke ich immer noch, auch wenn ich schon um die halbe Welt gesegelt bin) schwingt auch immer der Gedanke mit ob ich dafür wirklich genüge und gut genug bin. Etwas eine wohl eher weibliche Eigenschaft, dass man immer das Gefühl hat, man muss alles 100 % perfekt beherrschen, bis man gut genug ist. Und wenn man mal einen Fehler macht oder sich blöd anstellt, dann kommen gleich die Zweifel. Wir sprechen sehr offen über diese Erfahrungen und in diesem Kontext profitiere ich eine weibliche Skipperin und First Mate zu haben. Es lässt mich meine eigene Erfahrungen mit ihnen teilen und greifbarer machen. Meine Watch war zudem fantastisch. Es herrschte gute Stimmung, alle packten mit an und brachten sich ein. Wir haben viel gelacht, einige Tränen geweint und viele Eimer mit halbverdauten Essensspenden an Neptun geschickt.
Auch toll zu sehen ist, wie das Kernteam zusammengewachsen ist. Wir kennen uns inzwischen gut genug und unser Wissen ist nun auf einem guten Level, sodass wir in Krisen schnell und ruhig reagieren können. Rund um Neujahr hatten wir drei-, viermal irgendein Problem mit einem Spinnaker-Hoist. Einmal hat sich eine Leine gelöst, einmal ist die Halyard gerissen und wir mussten den Kite aus dem Wasser fischen, ein anderes Mal hat sich eine Leine so fest verknotet dass wir jemanden raufschicken mussten um den Knopf zu lösen und so weiter. Doch jedes Mal haben wir super effizient und bedacht reagiert, was ein sehr gutes Gefühl zurückliess.
Irgendwann nach der Umrundung von Tasmanien haben wir unseren Verklicker (Windex) verloren, ein Instrument auf dem Mast, der die Windrichtung mit Pfeilen anzeigt. Bald schon hatten wir aber einen neuen Windex, in Form von ein bis zwei Vögel, die nachts beschlossen, genau auf dem Platz auszuruhen. Am Steuer gibt es verschiedenste Möglichkeiten einen Kurs zu halten. Grundsätzlich passt man die Segeln an die vorherrschenden Winde an, sofern dass ein einigermassen guten Kurs zum gewünschten Ziel ermöglicht. Oder man steuert einen Kurs und trimmt die Segel entsprechend. Wir haben verschiedenste Messinstrumente die uns Windrichtung, GPS-Kurs, Kompass oder Kurs zum Ziel, anzeigen. Man nimmt also eine dieser Messungen, die Wellen und Strömung haben dann natürlich auch noch einen Einfluss, sowie auch Böen. Ganz viel ist aber Gefühl: der Wind auf den Wangen, die Bootsbewegungen durch die Füsse, die Art, wie das Ruder durch die Finger am Steuerrad spürbar ist. Auf dieser Etappe habe ich persönlich ein neues Level am Steuer erreicht. Mir gelingt es nun oft, nur 2-3 Grad vom gewünschten Kurs abzuweichen, anfänglich waren 10 plus oder minus schon eine gute Leistung. Je mehr man auf Kurs ist, desto schneller ist man logischerweise am Ziel, je mehr Schlangenlinien man fährt, desto länger wird die Strecke. Viel von dieses Fähigkeit ist das Boot zu kennen und die Bewegungen durch das Steuern oder die Füsse zu spüren, bevor das Boot überhaupt reagiert. In schwierigen Verhältnissen (in der Nacht, mit manchmal 0 Sichtweite, Wellengang, Starkwind) limitiert sich die Personenzahl, die steuern, auf meistens drei, manchmal vier pro Wache. Nach vier Stunden hochkonzentriertem Steuern, logischwerweise mit Pausen dazwischen, ist man manchmal ziemlich durch, respektive reif für die Koje.
Es gibt diese ultrastressigen Stunden, mit viel Adrenalin und Schweiss, egal wie die Aussentemperatur gerade ist. Ich stell mir manchmal vor, das ist ungefähr so wie wenn man in den Ring steigt in einem Boxkampf, und es in die nächste Runde geht. Dann gibt es aber auch die Stunden, wo es ein reiner Genuss ist. Da spielen wir dann "Videospiel", wo man die möglichst hohe Punktzahl erreichen will (schnell und auf Kurs). Die nervenaufreibensten Stunden sind Flauten und Windlöcher logischweise :-D. Aber das Steuer ist zu 95 % ein «Happy Place» für mich.
Das Rennen selber war wohl das spannendste bis jetzt. Zuerst zurück in den Southern Ocean, mit der Umrundung von Tasmanien. Hier haben wir wohl die südlichsten Koordination der Weltumseglung erreicht, denn danach ging es mit Wenden und Halsen «direkt» nach Norden, ins tropische Airlie Beach. Wir haben uns ein gutes Battle mit der Yacht Punta del Este geliefert und kamen ihnen immer näher. Aufrund des aufziehenden Zyklons und die Route durch das Great Barrier Reef und den Whitsunday-Inseln wurde das Rennen dann verkürzt. Schliesslich sind wir 29 min nach Punta del Este über die Ziellinie. Das ist nach 4000 nm ein Wimpernschlag. Mit einem weiteren Punkt aus dem Sprint haben wir aber dennoch sehr gute 8 Punkte geholt. Dank der verkürzten Ziellinie war die Fahrt durch die Whitsundays fast schon eine kleine Kreuzfahrt. Wir hatten Sonnenschein und es war wunderschön in Richtung Airlie Beach zu segeln.
Die Unterhaltsarbeiten sind jetzt schon weit fortgeschritten und ich freue mich einige Zeit für meine nächsten Besucherinnen zu haben! Es haben sich nämlich eine Freundin und ihre Familie aus Cairns angekündigt, und am Wochenende kommen dann auch noch liebe Freunde aus der Heimat, die momentan in Tasmanien leben. Auch auf dem Programm steht ein Fundraiserevent von meinem Team Scotland. Jedes Boot sammelt nämlich Spenden für Unicef, die eine langjährige Partnerschaft mit Clipper pflegen. Am Montag, 19. Janaur 2026 laufen wir dann wieder aus. Die nächste Etappe führt uns in die Philippinen, Subic Bay, dann nach China (Quingdao) und endet in Toengyang (Südkorea), welches wir dann Mitte März erreichen sollten. Die Crew bleibt also fast zwei Monate in dieser Zusammensetzung bestehen. Es wird sicher auch wieder taktisch, zum Beispiel navigieren wir durch Indonesien und wohl zahlreiche Fischerflotten (:-(), Windlöcher, Squalls und verschiedenste Winde die zu erwarten sind. Wünscht mir und uns Glück und drückt uns die Daumen für viele Punkte!
19. März 2026, Tongyeong
Uiii. Ich weiss gar nicht wo ich beginnen soll. Weder in den Philippinen noch in China hatte ich Muse, Zeit oder unzensiertes Internet, sodass die letzten Etappen es nicht auf das Papier geschafft haben. Sie haben stattgefunden, inzwischen ist die Clipper-Flotte mit mir nämlich in Tongyeong, Südkorea angekommen.
Leg 5 : Airlie Beach – Subic Bay – Qingdao
19. Januar - 13. Februar 2026
In Airlie Beach angekommen mussten wir mal zuerst einen ausklingenden tropischen Sturm abwettern, zum Glück in der Marina. Danach war es heiß und feucht. Das Highlight waren zweierlei Besuche, einerseits von Tiffany und ihrer Familie, und dann kamen auch noch Isa und Daniel aus Tasmanien Hoi sagen.
Hier ein paar Auszüge aus meinen Tagebuchnotizen auf dem Weg in die Philippinen:
Der Traum beginnt. Findet statt. Ist das auch das Ende vom Traum? Der Horizont vor uns ist lang und leer. Ich muss diese Frage nicht beantworten.
Endlich kann ich ein wenig Schlafen. Wenn man sich nicht bewegt geht es einigermassen (mit der Hitze). Der kleine Ventilatorwirkt Wunder.
Das Boot fühlt sich fremd an. Immer wenn man einige Zeit nicht unterwegs war, muss man sich wieder aneinander, an den Rhythmus, die Bewegung, das Gefühl gewöhnen und erinnern. Meine Koje (die ich mir selber zuteile in meiner Funktion als Teamcoordinator) ist ein Fail. Zu nahe an den Heads in diesem Wetter.
Ein Babyzykolon kommt. Ich bin seekrank. Die Quetschies helfen, esse so viel wie noch nie.
Ich möchte all diese Inseln runderhum entdecken gehen. Eines Tages komme ich zurück.
Wunderschöne Nacht. Sterne. Ruhig. Flache See.
Im Motoring-Corridor haben wir reduzierte Wache, jeweils 3 Personen. Die langen Schlafzyklen sind herrlich. So ist es schon fast eine Cruise.
Windloch. Der Rest der Flotte ist in greifbarer Nähe, wieder. Hoffentlich bekommen sie nicht vor uns eine neue Brise.
Wir dümpeln noch immer im Windloch. Das ist gar nicht gut. Nicht gut.
Ereignisreiche Wache: Windseeker. Yankee. Windseeker. Wieder zu Yankee. Haben 100nm Abstand zum Leaderboot. Es nervt.
Kann zweimal nicht Schlafen in der Off-Watch. Bin hundemüde.
Plötzlich Brise. Es chuttet imd bläst und wir machen ständig Segelwechsel. Auch in der Off-Watch. Halbschlaftrunken, und im nächsten Moment wird man angeschrien, angeblasen und angespritzt. Dem Meer ist es Wurscht.
Segelspassige Wache. Regen im Gesicht. Habe fast nichts gesehen am Helm. Plötzlich 32 Knoten. Bis wir gerefft hatten, war der Squall vorbei und der Wind fiel auf 10 Knoten. Wie aus dem Lehrbuch. Differenzler läuft momentan.
Äquatorcrossing – wir sind zurück in der Nordhemisphäre. Ich war Neptunia, wir haben die Pollywogs getauft.
Bangers und Mash zum Frühstück geht nicht. Habe keinen guten Tag. Suche ein bisschen Ruhe am Bug. Wieder Windloch. Es ist zäh. Kann schlecht Schlafen.
Dauerregen. Sind auf dem 10 Platz.
Vogel am Bug, begleitet uns die ganze Nacht. Hoffentlich kommen wir jetzt dann mal an. Vielleicht 6 Tage?
Bin auf dem Mast, um während dem Fliegen der Kites die Haylard zu wechseln. Das Boot von Oben schaut winzig aus. Bin froh ist alles gut gegangen, stell dir vor, ich lasse den Kite vom Kopf runterfallen. Das wäre eine Katastrophe.
Sturm. Krisenmanagement. Hat mich wieder lebendig gemacht. Alles ist salzig. Schweissig.
Spontaner Rave zum Sonnenaufgang. Alle sind übermüdet. Holen Leuchtstäbli raus.
Das Ziel ist zum Glück in Sicht. Kommen als 8. über die Zielline. Immerhin nicht Letzte.
Subic Bay
In Subic Bay war es lustig. Viel Tanzen, viel ABBA, Tauchen mit Simone die mich besuchen kam, ein spezieller Ort. Geniesse mein Gartendach-Bungalow. Geniesse die Temperaturen. Freue mich nicht auf den Kälteschock in China.
Subic Bay - Qingdao 22. Februar - 3. März 2026
Das Rennen von den Philippinen nach China war weniger schlimm als erwartet. Weniger kalt, weniger gegen den Wind. Allerdings eine unglaubliche Anzahl an Fischerbooten. Die chinesische Hochseefischereiflotte ist überall. Es ist katastrophal. Wie kann da nur ein einziger Fisch übrig sein? Während ich durch das Scoring Gate navigiere, sind rund um uns herum Bojen und Leinen, das AIS explodiert geradezu, vor lauter grün. Praktisch im Sekundentakt poppen neue Signalmarken auf. Lange Zeit führen wir die Flotte an, dann rutschen wir auf den zweiten Platz. Am Ende fahren wir als vierte über die Ziellinie, nach 10 Tagen. Das Ergebnis wird dann noch aufgrund eines Penalties für GOSH korrigiert, sodass wir als Dritte 8 Punkte holen. Weil wir den Joker gespielt haben werden diese verdoppelt, zudem kommen 3 Punkte für die ersten am Scoring Gate hinzu. Die 19. Punkte katapultieren uns auf den zweiten Rang im aktuellen Gesamtklassement.
Qingdao
Der Stopp in Qingdao ist stressig. Es gibt viel zu tun, es ist immer ein bisschen mühsam und anders. Und es ist bitterlich kalt. Ich freue mich auf die nächste Etappe, 450nm nach Südkorea.
Leg 6 - Qingdao - Tongyeong - Seattle
Die erste kurze Etappe führt uns nach Tongyeong. Wir haben viel weniger Wind als der Wetterbericht hergibt. Deshalb motoren wir ein gutes Stück. Das Rennen wird zweimal abgebrochen. Wir müssen rechtzeitig in Südkorea sein, damit wir rechtzeitig über den Pazifik starten können. Und weil die Möglichkeit eine Flotte von 10 70ft Yachten in einer Marina unterzubringen begrenzt sind. Das gehört zu diesem Konzept. Die ersten zwei Starts gelingen uns gut, der Dritte nicht. Im Windschatten der Insel machen wir allerdings wieder Boden (oder Meer) gut. Am Ende reicht es für den vierten Platz, mit ca. 50 Meter Vorsprung. Ich war die letzten 20 Minuten am Steuer, so hochkonzentriert, dass die Erinnerung zwischen Minute 19 und 1 total fehlen. Aber es hat gereicht, den Vorsprung zu retten, resp. wieder herauszufahren auf den letzten Minuten.
Südkorea empfängt uns warm und herzlich. Was für ein schöner Ort. Eine tolle, etwas verschlafene Kleinstadt. Hier lässt es sich gut aushalten.
21. April 2026, Seattle
Es ist Starttag in Tongyeong, 22. März 2026. Die kleine Hafenstadt hat sich mächtig ins Zeug gelegt uns ein fulminante Verabschiedung zu geben. Die letzten Tage gab ein Race Village mit einer riesigen Bühne. Auf dieser wurden zuerst Reden geschwungen, die simultan mit KI übersetzt wurden, was ab und zu sehr erheiternd war. Unser Ziel ist zum Beispiel Port Moss (ob wir das wohl je erreichen werden?). Dann schmetterte ein Opernquartett einige klassische Gassenhauer in den Sonntagmorgen. Danach durften alle Teams auf die Bühne und ein Mini-Interview geben. Und ganz am Ende liessen etwas 15 Offizielle synchron für uns die Nebelhörner schallen – das sollte uns vermutlich Glück bringen. Ich war beeindruckt von den vielen Menschen die den Weg ins Race Village an diesem Sonntagmorgen früh gefunden haben, Fähnchen geschwenkt, geklatscht und uns zugejubelt haben. Tongyeong war grossartig, manchmal etwas random, aber immer sehr symphatisch und mit einer grandiosen Kulisse. Ich kann jedem einem Besuch empfehlen.
Nachdem die Leinen los waren tuckerte die Flotte in Richtung der Startlinie. Es war erneut ein Le Mans Start geplant. Dieser fand dann auch statt, praktisch in einer Flaute. So hatten wir die ersten Stunden eine unglaublich faszinierende Kulisse, viele Inseln rund um uns herum, einen postkartenwürdigen Sonnenuntergang und zehn Rennyachten, die mit 0.x Knoten nebeneinander herdümpelten.
Ein, zwei Tage später kam dann aber das erste Tiefdruck-Wettersystem, gegen den Wind und gegen die Strömung. Diese Bedingungen resultierten unglaublich steile Wellen. Das Boot fühlte sich an wie ein Rodeo-Stier. An Deck war alleine schon schwierig am Boden zu bleiben. Zwischendurch, insbesondere am Heck, wurde man von den Wellen in die Luft geschleudert und fast immer war die Landung nicht besonders sanft. Noch Tage nach dem Abklingen dieser ersten Front ware der ganze Körper müde und die Muskeln schmerzten, Wochen später tat mir das Steissbein immer noch weh nach einer Karambolage mit dem A-Frame.
Der Sturm und die Strapazen hatten nicht nur am Mensch sondern auch am Boot einige Spuren hinterlasssen. Es gab einiges zu reparieren, das Boot erinnerte mich ein wenig an ein halb gerupftes Huhn. Die folgenden circa 10 Tage waren dann ganz angenehm, tolles Downwind-Segeln, für winterpazifische Verhältnisse einigermassen milde Temperaturen, schöne Wellen zum Surfen als uns ein weiteres Tiefdruckgebiet vorwärts propellerte. Als die Windstärken wieder nachliessen war ich schon fast ein wenig traurig, weil der Surfspass vorbei war. In dem Moment realiserte ich, wie viel sich verändert hat seit dem Rennstart. Am Anfang waren diese Bedingugen einfach nur gfürchig. Und jetzt – genoss ich das Adrenalin. Wir sehr wir doch als Team und als Einzelpersonen gewachsen und zusammengewachsen sind.
Darauf foltgen dann zwei Wochen mit zwischendurch bitterkalten Winden, insbesondere in der Nacht und bei Regen. Alles war nass und blieb es bis am Schluss. Man kann sich das kaum vorstellen: die Wände, die Aussenseite des Schlafsacks, die Decke, man selber, alles ist feucht, klamm, beschlagen, benetzt und nass. H20 im Überfluss.
Zwei Wochen nach Start feierten wir Ostern, und das gleich zweimal. Am Ostermontag überquerten wir nämlich die internationale Datumsgrenze und wurden so zu Zeitreisenden in die Vergangenheit. Den gleichen Tag zweimal leben, das ist schon ziemlich einzigartig. Wir feierten Ostern aber dann doch nur einmal, mit einem Quiz und einer Eiersuche, was eine lustige Herausforderung war auf einem Boot. Glücklicherweise fand am Schluss doch noch jeder und jede sein Schoggieili, denn mit Snacks war nicht zu spassen auf dieser Etappe.
Da uns nördlich das sogenannte «Eislimit» begrenzte (wir nannten es liebevoll Ice Ice Baby), kreuzten wir an dieser virtuellen Linie entlang gegen Osten. Gegen den Wind sind wir immer schnell, und auch diesmal konnten wir uns vom hinteren Drittel des Feldes in die Mitte vorkämpfen. Wir verliessen das Eislimit dann sogar auf dem dritten Rang. Das Team London Business School war uns aber konstant dicht auf den Fersen, und überholte uns wieder, sodass wir einen tollen Fight um Rang 3 und 4 hatten. Schlussendlich wartete eine Flaute auf uns, die wir in einem besseren Winkel zum Wind attackieren konnten, sodass wir am Ende die Nase vorne hatten und als Dritte die Zielline querten (mit 2 Knoten Geschwindigkeit). Diese letzten 20 Meilen nach über 5000 mit 1-2 Knoten Geschwindigkeit im Durchschnitt, Land in Sicht, waren eine regelrechte Tortur. Das Ziel zum greifen nah und es will und will einfach nicht näher kommen, respektive einfach nur unglaublich viel zu langsam.
Der Nordpazifik dauerte ziemlich genau vier Wochen für uns und war vor allem eine mentale Ausdauerleistung. Über 5000 Meilen, extrem isoliert, kalt und unwirtliche Bedingungen muss man als Mensch und Team aushalten können. Vorallem wenn die Snacks ausgehen und keine Schokolade oder Haribos mehr da sind. Der Podiumsplatz ist das Tüpfelchen auf dem i, doch jedes einzelne Team darf stolz auf diese einzigartige, aussergewöhnliche Leistung sein. Ich werde wohl nie mehr an diesen Ort zurückkehren, auch wenn ich diese Etappe trotz dem grausligen Bedingungen zwischendurch, eigentlich genossen habe.
Von der Zielliene fuhren wir unter Motor den Puget Sound hinauf, den Meeresarm, der Seattle mit dem Pazifik verbindet. Was für eine grandiose Kulisse, verschneite Berge und grüne Wälder. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit kam die Sonne raus, die Stiefel wurden gegen Crocs getauscht. Seattle begrüsste uns dann äusserst freundlich mit Suppe, Früchten, Bier und Wein, also alles was das Seglerinnenherz nach einem Monat Pazifik begehrt.
Beim Anblick der Sykline von Seattle wurde mir bewusst, dass wir jetzt wieder in der westlichen Zivilisation sind (ich verzichte jetzt mal auf jegliche politische Randbemerkungen). Und plötzlich fühlt sich alles sehr echt an und wahrhaftig. Die Monate mit den kurzen Etappen in Asien liessen keinen Raum um alles richtig zu verarbeiten. Doch jetzt sind es weniger als 100 Tage, noch zwei Etappen bis wir die Welt mit unserer CV22 umrundet haben werden. Verrückt. Irrsinnig. Irrsinnig fantastisch irgendwie.
Am 28. April ist Start von Leg 7, via Panamakanal nach Washington DC.












